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Die Arbeitsmarktpolitik steht an einem Scheideweg:
Die Stimmen derer, die eine radikale Arbeitsmarktreform und massive
Einschnitte ins Sozialsystem fordern, werden immer lauter. Selbst die
moderaten Stimmen räumen mittlerweile ein, dass es ohne einen
weitreichenden Umbau des Arbeitsmarktes nicht gehen wird. So ist davon
die Rede, dass man die Tarifautonomie einschränken und die Gewerkschaften,
so wie es Maggie Thatcher vorgemacht hat, ein für allemal entmachten
muss. Dass eine solche Politik Erfolg haben kann, daran zweifeln wir
nicht. Aber ihre logische Folge ist die Preisgabe des sozialen Friedens,
der sich in Deutschland über Jahrzehnte hinweg bewährt hat.
Arbeitsplätze lassen sich jedoch auch ohne Einschnitte bei den
Geringverdienern und Konfrontation mit den Gewerkschaften schaffen.
Aufbauend auf einer eingehenden Analyse der Arbeitsmarktgeschichte
der letzten dreißig Jahre und einer intensiven Diskussion aktueller
Reformvorschläge von Regierung, Opposition und Kollegen, entwickeln
wir in dem Buch einen Reformvorschlag, der vorsieht, die Unternehmen
von der Abgabe der Sozialversicherungsbeiträge für neu eingestellte
Arbeitslose im Niedriglohnbereich zu befreien. Dies erlaubt es, die
Bruttolöhne um mehr als ein Drittel zu senken, ohne die Nettoeinkommen
der Arbeitnehmer anzutasten. Da ergänzende Maßnahmen die
Verdrängung regulärer Arbeitskräfte ausschließen,
können auf diese Weise über 1,8 Millionen neue Arbeitsplätze
im Niedriglohnbereich geschaffen werden. Zur Freude des Finanzministers
entsteht gleichzeitig ein erheblicher Überschuss für die öffentlichen
Haushalte.
Worum geht es bei der Magdeburger Alternative?
Diese Kurzübersicht fasst die wesentlichen Punkte des Buches
Arbeit ist machbar - Die Magdeburger Alternative
- Eine sanfte Therapie für Deutschland von Ronnie Schöb und
Joachim Weimann zusammen. Darin wird ein Reformvorschlag
vorgestellt, der im Gegensatz zu den
aktuellen wirtschaftspolitischen Reformvorschlägen nicht auf Konfrontation
setzt, sondern schnell verwirklicht werden
kann ohne dabei die Tarifautonomie aufzugeben.
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Die Geschichte der Magdeburger Alternative
Ende des Jahres 2001 beschloss die damalige Bundesregierung,
das so genannte Mainzer Modell bundesweit einzusetzen – nachdem die
Erfahrungen, die in Mainz damit gesammelt worden
waren, zweifelsfrei gezeigt hatten, dass mit
diesem Modell nichts, aber auch gar nichts
am Arbeitsmarkt bewegt werden kann. Man kann
so eine Politik durchaus als Verhöhnung der Arbeitslosen bezeichnen.
Ganz abgesehen davon, ob man so etwas als Staatsbürger hinnehmen soll,
stellte sich für Ronnie
Schöb und Joachim Weimann die Frage, ob sie als Ökonomen dazu schweigen
dürfen. Die Idee, einen Kommentar zum Mainzer Modell zu verfassen,
kam auf. Aber kann man es dabei belassen, oder
muss man nicht versuchen, eine Alternative
aufzuzeigen? Im Januar 2002 wurde die Idee
der Magdeburger Alternative geboren. Ein erster
Entwurf führte rasch
zu einer Veröffentlichung
in den „Perspektiven der Wirtschaftspolitik“ – und damit war die Idee
in der Welt. Ab diesem Zeitpunkt entwickelte
die Idee der Magdeburger eine stetig wachsende
Dynamik. Bereits im Frühjahr 2003 nahmen Schöb
und Weimann die Arbeit an dem Buch „Arbeit ist machbar“ auf, in dem
sie ihre Idee ausführlich darlegen und gleichzeitig die Arbeitsmarktpolitik
in Deutschland einer schonungslosen Kritik
unterziehen. Ende 2003 erschien das Buch und
ist seitdem in allen wichtigen Presseorganen
besprochen worden – immer positiv, teilweise euphorisch.
Auch die Politik begann sich allmählich für die Magdeburger Alternative zu interessieren.
Schöb und Weimann stellen sie immer wieder auf zahlreichen Diskussionsveranstaltungen
vor und ernten von vielen Seiten Zustimmung. Vertreter aller Parteien zeigen
sich beeindruckt und zeitweilig scheint sich eine Art Allparteienkoalition für
die Magdeburger Alternative zu bilden. Dennoch geht im Laufe des Jahres 2004
das Interesse zurück. Die Bundesregierung hat die Hartz Reformen in Gang gesetzt
und die Republik wartet erst auf die Resultate der Hartz Kommission und dann
auf die Umsetzung der Vorschläge. Die Wende kommt mit den Hartz IV Gesetzen.
Plötzlich wird die Frage nach Alternativen laut und man erinnert sich: Waren
da nicht zwei aus Magdeburg, die eine, wie die FAZ in einem Kommentar schrieb, „sanfte
Therapie für Deutschland“ vorgeschlagen haben?
Im Jahr 2005 wird immer deutlicher, dass die Hartz Gesetze nicht in der Lage
sind das Arbeitsmarktproblem zu lösen. Und nun beginnt sich die Politik ernsthaft
mit der Magdeburger Alternative zu befassen. Bundespräsident Köhler greift die
Idee in seiner Brandrede zur Arbeitslosigkeit auf und macht sie damit für die
höchsten politischen Entscheidungsträger salonfähig. Kurz darauf erklärt erst
der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger und dann sein schleswig-holsteinischer
Amtskollege Carstensen in den Regierungserklärungen, die sie zum Amtsantritt
abgeben, dass sie planen, die Magdeburger Alternative auszuprobieren. Damit
ist die Idee der beiden Magdeburger Einzelkämpfer endgültig in der politischen
Realität
Deutschlands angekommen. [zurück]
Ursachenforschung
Im ersten Teil des Buches wird die Geschichte
der Massenarbeitslosigkeit in Deutschland geschildert
und deren wesentlichen Ursachen herausgearbeitet. Besonders betroffen
von der hohen Arbeitslosigkeit
in Deutschland sind die Geringqualifizierten.
Die Ursachen liegen auf beiden Seiten des Arbeitmarktes. Einerseits
haben Arbeitslose mit geringen
Verdienstaussichten kaum Anreize, eine Arbeit
aufzunehmen, denn selbst bei einer Vollzeitstelle können sie im Niedriglohnsektor kaum
mehr verdienen als sie an Sozial- oder Arbeitslosenhilfe erhalten.
Andererseits fehlen wegen der hohen Arbeitskosten Arbeitsplätze
für diejenigen, die trotz der geringen Anreize eine Arbeit aufnehmen
wollen.
Technischer Fortschritt und zunehmender Konkurrenzdruck
auf globalisierten Märkten haben die Nachfrage nach einfacher
Arbeit in allen Industrieländern reduziert. Während diese
Entwicklung in Ländern wie den USA und Großbritannien zu
einer stärkeren Lohnspreizung geführt hat, hat sich in Deutschland
die Lohnschere kaum verändert. Das mag verteilungspolitisch erwünscht
sein – es hat aber im Laufe der Zeit immer mehr geringqualifizierte
Tätigkeiten aus dem Arbeitsmarkt verdrängt. Da die soziale
Absicherung der Arbeitslosen einseitig durch den Faktor Arbeit finanziert
wurde, hat dies die Arbeitskosten weiter in die Höhe getrieben.
Verschärfend kommt hinzu, dass es auch auf der Angebotsseite ein
Strukturproblem gibt. Unser gegenwärtiges soziales Sicherungssystem
zerstört systematisch jeden Anreiz, einfache Arbeit anzubieten.
Es ist ein System, das Untätigkeit subventioniert und die Aufnahme
von Arbeit bestraft. Das wurde erkannt und sowohl die Reformvorschläge
der Bundesregierung als auch die der CDU/CSU wollen genau dieses Strukturproblem
beseitigen. Der zweite Teil des Buches zeigt, dass die meisten der
jetzt beschlossenen Reformen zum Scheitern verurteilt sind, weil die
Zweiseitigkeit des Arbeitsmarktproblems verkannt wird.
Insbesondere bleibt die Frage unbeantwortet,
warum die Unternehmen nach den eingeleiteten
Hartz-Reformen plötzlich
mehr Arbeitsplätze anbieten sollten. Nur wenige sprechen deutlich
aus, dass durch die Reform die Löhne der Geringqualifizierten
in einer Größenordnung von 30 % fallen müssen, damit
tatsächlich mehr Beschäftigung entsteht. Die Stimmen mehren
sich, die sagen, dass dies nur bei weitgehender Entmachtung der Gewerkschaften
gelingen kann. Der Kulturkampf wird ausgerufen und der soziale Friede
aufgekündigt. Das ist bemerkenswert, denn der soziale Frieden
ist ein kaum zu unterschätzender Standortfaktor Deutschlands,
wie erst jüngst die internationalen Reaktionen auf den Streik
der IG Metall in den neuen Bundesländern deutlich gemacht haben.
Dass es jedoch auch ohne Konfrontation geht,
zeigt die Magdeburger Alternative, die im dritten
Teil des Buches vorgestellt wird. Sie setzt
direkt an beiden Marktseiten an und ist nicht darauf
angewiesen, dass die Gewerkschaften und die
Beschäftigten gezwungen
werden, um 30 % gekürzte Löhne hinzunehmen. [zurück]
Der Vier-Punkte-Plan
Der Vier-Punkte-Plan der Magdeburger Alternative
zielt darauf ab, die Anreize zur Arbeitssuche zu erhöhen und
gleichzeitig die Bruttolöhne bei den Geringqualifizierten zu
senken ohne deren Nettoeinkommen anzutasten.
1. Maßnahme: Die Bundesregierung erstattet denjenigen Arbeitgebern,
die Sozial- oder Arbeitslosenhilfeempfänger entsprechend der tariflichen
Regelungen für die unterste Lohngruppe neu einstellen, die gesamten
bezahlten Sozialversicherungsbeiträge, d. h. Arbeitgeber- und
Arbeitnehmerbeiträge. Damit fallen die Arbeitskosten um rund 35
%. Der Nettolohn bleibt davon vollkommen unberührt – der
Lohnzettel eines Neueingestellten unterscheidet sich nicht von dem
seines bereits beschäftigten Kollegen.
2. Maßnahme: Die erste Maßnahme macht es attraktiv, bestehende
Arbeitsverhältnisse durch neue von der Sozialversicherungsabgabe
freigestellte Arbeitsverhältnisse zu ersetzen. Das kann innerhalb
eines Unternehmens genauso wie durch Auslagerung geschehen. Die Magdeburger
Alternative hat deshalb zwei Vorkehrungen bei der Ausgestaltung der
Lohnsubvention getroffen, die diese Verdrängung bestehender Arbeitsverhältnisse
weitgehend ausschließt. Erstens: Die Freistellung wird für
die Neueinstellung von Arbeitslosen- oder Sozialhilfeempfängern
nur in dem Umfang gewährt, in dem die Anzahl der Beschäftigten
in der untersten Lohngruppe über eine zu einem festgesetzten Stichtag
vorhan-dene Anzahl von Beschäftigten in der untersten Lohngruppe
hinausgeht. Die Sozialversicherungsbeiträge werden also nur dann
erstattet, wenn dadurch die Beschäftigung ausgeweitet wird. Sie
wird nur solange gewährt, wie der Beschäftigungsstand über
dem zum Stichtag festgestellten Beschäftigungsstand in der untersten
Lohngruppe liegt.
Zweitens: Die Auslagerung von Arbeitsplätzen lässt sich dadurch
verhindern, dass man bestehenden Unternehmen zusätzliche Anreize
gibt, ihre Beschäftigung auszuweiten, anstatt die Arbeit auszulagern.
Deshalb werden bestehenden Unternehmen nicht nur die Sozialversicherungsbeiträge
für den neu eingestellten Hilfeempfänger zurückbezahlt.
Sie erhalten zusätzlich auch noch die Sozialversicherungsbeiträge
für einen bereits am Stichtag beschäftigten Arbeiter erstattet.
Damit erhalten Unternehmen, die die Beschäftigung ausweiten, für
eine Neueinstellung doppelt soviel erstattet wie ein neu geschaffenes
Unternehmen, das die Arbeit durch Auslagerung übernimmt. Der Anreiz,
die Vorteile zusätzlicher Arbeit zu realisieren, verhindert damit
die Auslagerung der bereits Beschäftigten.
Die 3. Maßnahme entspricht in vielen Punkten den jetzt eingeleiteten
Maßnahmen. Anspruch auf Hilfe hat in Zukunft nur derjenige, der
tatsächlich keine Arbeit findet. Wer arbeitsfähig ist und
eine ihm angebotene, zumutbare Arbeit ablehnt, der verwirkt seinen
Anspruch auf Hilfe der Gesellschaft.
4. Maßnahme: Die Probleme auf dem Arbeitsmarkt sind nicht vorübergehender
Natur. In einer wachsenden Wirtschaft wird
sich das Problem immer mehr zuspitzen, denn diejenigen Arbeitskräfte,
die am wenigsten produktiv sind, werden immer weiter hinter die anderen
zurückfallen. Deshalb
geht es bei der Umstellung auf eine Hilfe zur
Arbeit um eine fundamentale und dauerhafte Umgestaltung des Systems
der sozialen Grundsicherung,
in der der Staat Hilfe zur Arbeit gewährt, anstatt Sozialhilfe,
die Arbeit bestraft. [zurück]
Was dürfen wir von solch einer Reform erwarten?
Unterstellt man, dass Unternehmen im Niedriglohnsektor
die Beschäftigung um 5 % ausweiten, wenn die Löhne um 10
% fallen – eine vorsichtige Schätzung – , so lassen
sich mit der Magdeburger Alternative insgesamt 1,8 Millionen neue
Arbeitsstellen schaffen. Jeder einzelne Hilfeempfänger, der
eine neue Stelle findet, führt zu einer Ersparnis des Staates
von netto jährlich rund 10.900 Euro. Warum? Zwar übernimmt
der Staat die Sozialversicherungsbeiträge, aber das kostet ihn
nichts zusätzlich. Was er bislang für Krankenkosten des
Arbeitslosen bezahlt hat, zahlt er nun in die gesetzliche Krankenversicherung
ein. Jeder zusätzliche Euro, den er heute für die Rentenversicherung
einbezahlt, verringert später die bei geringen Renten notwendige
ergänzende Sozialhilfe. Und die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung
senken im gleichen Umfang das Budgetdefizit der Bundesanstalt für
Arbeit. Gespart wird jedoch die Sozialhilfe bzw. die Arbeitslosenhilfe,
insgesamt wird der Fiskus mit knapp 20 Mrd. Euro jährlich entlastet.
Allerdings müssen wir die Kosten gegen rechnen, die die Freistellung
bereits Beschäftigter verursachen. Diese summieren sich auf 13,8
Mrd. Euro jährlich. Wird darüber hinaus trotz der vorgesehenen
Maßnahmen jeder zweite, dann noch nicht geförderte Arbeitsplatz
durch einen geförderten Arbeitsplatz ersetzt, kommt es zu weiteren
Kosten in Höhe von 1,5 Mrd. Euro jährlich. Ohne Berücksichtigung
des Einsparpotentials bei der aktiven Arbeitsmarktpolitik
kommt es zu einer Nettoentlastung von jährlich 4,4 Mrd. Euro.
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Vergleich zu anderen Reformvorschlägen
Die Magdeburger Alternative ist ein konsensorientierter
Gegenentwurf zu den soziale Konflikte heraufbeschwörenden Vorschlägen,
wie sie in den Hartz-Reformen umgesetzt und im Vorschlag des Ifo-Instituts,
das zur Grundlage des Existenzgrundlagengesetzes der CDU/CSU wurde,
dargelegt wurden. Diese Vorschläge setzen ausschließlich
an der Angebotsseite an, indem sie durch Leistungskürzung und
erhöhte Arbeitsanreize stärkeren Druck auf Arbeitlose ausüben.
Dieser Druck wird nur dann zu neuen Arbeitsplätzen führen,
wenn er von den Arbeitslosen an die Beschäftigten weitergegeben
wird, so dass auf breiter Front die Löhne fallen. Es sollte
klar sein, dass eine solche Politik nur im Konfrontationskurs mit
den Gewerkschaften möglich ist. Die Gewerkschaften werden nicht
ohne weiteres das einmal erreichte Lohnniveau preisgeben wollen.
Sollten sie in der Verteidigung ihrer Interessen Erfolg haben, werden
keine neuen Arbeitplätze geschaffen werden können und die
zusätzlichen Arbeitsanreize laufen ins Leere. Die Arbeitslosen
bleiben arbeitslos, müssen aber mit gekürzten Leistungen
leben. [zurück]
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